Ostergeschichte
Es war wie jedes Jahr, wenn es auf Ostern zuging: Klaus war so aufgeregt, daß er Fieber bekam und mindestens einen Tag das Bett hüten mußte. Seine Schwester Sabine hatte dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Denn schließlich war sie zwei Jahre älter als er und bereits in der zweiten Klasse der Grundschule. Soviel dazu.
Klaus lag, wie gesagt im Bett und fieberte, und Sabine hatte somit genügend Zeit, sich ungestört darüber Gedanken zu machen, wie sie die Ostereier färben und bemalen sollte, die sie den anderen schenken wollte. Das war ein schöner Brauch in der Familie. Der Vorteil dabei war, daß die Eier nur wenige Tage hielten und zum nächsten Osterfest wieder eine neue Überraschung waren. Mamas Lieblingsfarbe war Rot, das war kein Problem. Papa antwortete immer auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe „Bunt!“, was Sabine jedes Mal aufregte. Bunt! So ein Blödsinn! Gab es doch gar nicht! Rot, oder Blau oder Grün waren doch auch bunte Farben. Was meinte er denn nun? Wahrscheinlich wollte er sich wieder über sie lustig machen. Na warte! Ihr würde schon etwas einfallen!
Klaus' Gedanken gingen unterdessen in eine ganz andere Richtung. Wenn das blöde Fieber doch nicht wäre! Ob er wohl zum Ostersonntag wieder gesund sein würde? Das war ungemein wichtig! Sein Freund Albert, der gegenüber wohnte, sollte nämlich am Ostersonntag einen kleinen Hund bekommen, den er sich immer gewünscht hatte. Und dann wollten beide zusammen mit dem Hund an den Bach gehen und dort Jäger spielen. Wie im Fernsehen in der Sendung, die er neulich gesehen hatten. Das war wirklich toll gewesen. Da waren richtig gefährliche Wildschweine und der Jäger und sein Hund hatten sich ganz leise angepirscht. Fast hätten sie es geschafft, aber dann war der Jäger auf einen morschen Zweig getreten. Es hatte laut geknackt, die Wildschweine hatten den Kopf gehoben und waren im nächsten Moment auf und davon. Die Idee mit dem Jagen ließ sich ganz unauffällig machen, denn Albert, seine Eltern und die Eltern von Klaus und Sabine waren Nachbarn und seit Jahren befreundet. Und jedes Jahr gingen sie zusammen mit den Kindern an den Bach in dem Wäldchen, um Ostereier zu suchen. Die versteckt jedes Mal der Osterhase, hatte die Mutter von Albert gesagt. Klaus fand das prima vom Osterhasen, aber Sabine hatte nur mit dem Finger an die Stirn getippt und gesagt, dass so einen Blödsinn auch nur er glaubt. Osterhase! So ein Quatsch! Seitdem versuchte Klaus, herauszufinden, wie das mit dem Osterhasen war. Ob es ihn wirklich gab oder ob das wieder nur so eine Geschichte war, die sich die Erwachsenen ausgedacht hatten, Und wenn ja, warum sie so etwas taten. Das war schon ganz schön gemein, fand Klaus. Albert meinte, man solle lieber gar nichts glauben, das wäre besser. Denn dann ersparte man sich bei den Älteren Hohn und Spott und würde nicht ausgelacht und damit aufgezogen, wenn man davon redete. Opa hatte gesagt, er solle sich mal vorstellen, ob es Hasen mit Farbeimer und Pinsel gibt und dabei so merkwürdig gegrinst, wie immer, wenn er einen Witz machte. Oma erklärte ihm ganz ernsthaft, dass der Osterhase nur zu den Kindern käme, die an ihn glaubten. Ja, was denn nun? Ach was, es war doch egal, wer die Eier in die Nester legte und versteckte! Hauptsache, sie konnten nebenbei Jäger spielen. Knackende Äste ließen sich vermeiden, wenn man aufpasste. Das würde ihnen selbstverständlich nicht passieren. Hoffte er. Und während er sich noch ausmalte, was sie alles erleben und meistern würden, war er auch schon eingeschlafen.
Nach dem Mittagessen scheuchte Sabine ihre Eltern aus der Küche. Ich muß noch die Ostersachen fertig machen, hatte sie als Grund angegeben. Papa und Mama waren auch brav im Wohnzimmer verschwunden und hatten es sich mit einem Buch gemütlich gemacht. Sabine kramte Pinsel, Farben, ein großes Glas mit Wasser, Zeitungen zum Unterlegen, eine Packung Kekse und die Schüssel mit den hartgekochten Eiern zusammen und ordnete alles sorgfältig auf dem Küchentisch. Dann legte sie sich eine Bibi-Blocksberg-Kassette in den Radiorecorder, schob den Stuhl an den Tisch und machte sich an die Arbeit.
Prüfend blickte sie in die Schüssel. Die Eier mit der weißen Schale waren kein Problem. Aber die mit der braunen Schale zu bemalen, war echt schwierig. Manche Farben, wie Lila oder Blau sahen einfach blöd darauf aus. Die Braunen würde sie lieber später nehmen und erst mal mit den Weißen anfangen. Sie nahm eins aus der Schüssel und stellte fest, dass sie den Eierbecher vergessen hatte. Sie schob den Stuhl zurück und hatte den Eierbecher gerade aus dem Küchenschrank geholt, als sie hinter sich ein platschendes Geräusch hörte. Als sie sich umdrehte sah sie. daß das Ei, das sie bemalen wollte, von Tisch gerollt und auf dem Fußboden geplatzt war. So ein Mist! Jetzt hatte sie ein Ei zu wenig! Typisch Mama, die immer alles ganz genau abzählen mußte! Sabine war sauer und wütend. Sie entsorgte die schmierigen Eierreste in den Mülleimer und machte sich dann wieder an die Arbeit. Das fing ja gut an! Sie stippte den Pinsel ins Wasser und rührte dann in der roten Farbe, bis sich ein satter Farbton gebildet hatte. Na also, das sah doch schon schön aus. Sie stellte ein neues Ei vorsichtig in den Eierbecher und versah es mit einem schicken roten Rand. Je länger sie malte, desto ruhiger und zufriedener wurde sie. Es dauerte nicht lange, und sie hatte für jeden ein wunderschön bemaltes Ei fertig gemalt. Und Papa bekam eins, auf dem alle Farben aufgemalt waren, die sie hatte. Richtig bunt. Genau wie ihre Hände.
Der Ostersonntag zeigte sich von seiner besten Seite: Die Sonne schien herrlich und es war richtig warm draußen. Da Jäger immer eine Weste trugen, in deren Taschen sie allerhand wichtige und nützliche Sachen mit sich herumtrugen, überlegte Klaus, was er stattdessen anziehen könnte. So eine Weste hatte er nämlich nicht. Er entschied sich für den Anorak. den er von Oma zu Weihnachten bekommen hatte. Der würde schon gehen. Er steckte eine Rolle Bindfaden ein, lieh sich heimlich Papas Leatherman mit den vielen Werkzeugen und Messern und nahm sicherheitshalber noch das Fläschchen Jod aus dem Medizinschrank im Badezimmer mit. Man konnte ja nie wissen. Dann zog er seine Wanderstiefel an und war fertig.
Du meine Güte! rief seine Mutter, willst Du zu den Eskimos? Weißt du, wie warm es draußen ist, warum ziehst du denn die dicken Sachen an?
Sabine mußte natürlich wieder blöde Bemerkungen über Frostköttel machen, während sein Vater nur die Augenbrauen hochzog und nachdachte. Klaus nahm das alles unbekümmert hin. Wo Albert und dessen Eltern nur mit dem Hund blieben? Da kamen sie ja endlich!
Tut und Leid, sagte Alberts Mutter, es hat etwas länger gedauert, aber Albert wurde nicht fertig.
Alle schauten auf Albert, der ähnlich ausgestattet war, wie Klaus.
Klaus’ Vater schaute von einem zum anderen und nickte. Aha, sagte er, was für ein Zufall! Na, dann mal los!
Klaus übernahm die Hundeleine von Albert und dann sausten sie gemeinsam los. Allen voran der Hund. Ihr wisst, wo wir uns treffen, rief Alberts Mutter, vergesst nicht, dass wir die Osternester suchen wollen! Aber da waren die Drei schon um die Straßenecke verschwunden.
Albert saß auf einem Baumstumpf, hielt sich sein Knie und fluchte. Klaus stand mit dem Schwanzwedelnden Hund vor ihm und nestelte in seinen Taschen. Er suchte nach dem Jodfläschchen.
Dabei hatte die Jagd bis jetzt ganz toll geklappt. Sie hatten sich getrennt, waren verschiedenen Spuren gefolgt, hatten heimlich Sabine und die Eltern verfolgt, ohne dass sie bemerkt worden waren und sich diebisch gefreut, als sie hörten, wie Sabine sagte, dass es jetzt aber mal Zeit wäre, nach den Osternestern zu suchen und wo die beiden mit dem Hund denn bloß bleiben würden!
Sollte sich Sabine doch richtig ärgern! Geschieht ihr ganz recht, dachte Klaus, immer mußte sie an allem herummeckern! Dann hatten sie mit Steinen nach Ästen geworfen, die Sache aber wieder gelassen, weil der Hund ganz wild wurde und immer versuchte, hinter den Steinen herzulaufen, um sie zu fangen. Von der Leine wollten sie ihn nicht lassen. Womöglich wäre er losgestürmt und sie hätten ihn nicht wieder gefunden! Dann war Albert mitten im Lauf lang hingefallen und mit dem rechten Knie auf eine dicke Wurzel geschlagen. Die Hose hatte an der Stelle einen Riß und die Haut unter dem Knie war aufgeschrammt und blutete. Das mit dem Blut war nicht so schlimm, da konnte man Jod drauftun. Aber die kaputte Hose- das gab bestimmt Ärger!
Klaus nestelte also auf der Suche nach dem Jodfläschchen in den Taschen seines Jagd-Anoraks herum. In der Nähe hörten sie die Stimmen von den Eltern. Klaus wollte die Leine in die andere Hand nehmen, um in der linken Tasche nachzusehen, als sich der Hund plötzlich losriß und mit großen Sprüngen im Unterholz verschwand. Fast gleichzeitig riefen Klaus und Albert hinter ihm her, doch er blieb verschwunden.
Hier steckt ihr also, sagte Alberts Vater, der mit den anderen hinter ihnen auftauchte, wo habt ihr denn den Hund?
Und was ist mit deinem Knie?! rief Alberts Mutter.
Ich wollte Jod draufmachen, sagte Klaus, der das Fläschchen gefunden hatte und es Albert entgegenhielt.
Man kann nie genug Taschen haben, wenn man für alle Fälle gerüstet sein will, sagte Klaus‘ Vater, ohne eine Miene zu verziehen, nahm das Jod und tropfte eine satte Portion auf die Wunde.
Aua! Das brennt! rief Albert und zog das Bein zurück. Dann gingen alle los, um endlich die Osternester zu suchen. Von Zeit zu Zeit pfiffen Klaus und Albert nach dem Hund, der wie vom Erdboden verschluckt war.
Und dann fanden sie ihn. Freudig bellend stand er vor den Osternestern, wedelte mit dem Schwanz und war hochzufrieden mit sich und der Welt. Was gab es doch für nette Menschen! Extra für ihn hatten sie mitten im Wald kleine Nester mit bunten Eiern und Süßigkeiten hingestellt! Einige hatte er bereits verspeist, mit dem Rest, den einfach nicht mehr fressen konnte, hatte er wunderbar gespielt!
Oh nein! Sabine blickte entsetzt auf die zerfledderten Nester. Drumherum lagen malerisch verteilt Überbleibsel von ihren bemalten Eiern, Schokoladentafel-papier, angeknabberte Müsliriegel und andere schöne Dinge.
Wie hübsch, sagte ihr Vater, alles schön bunt, genauso, wie ich es mag!
Der Hund zuckte erschreckt zusammen. So was aber auch! Einfach von jetzt auf gleich lauthals loszulachen! Die Menschen waren schon komisch! dachte er und lief zu Alberts Knie, von dem aus es so interessant duftete.
© by Günther Fischer
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